Katharina KÖRTING

In aller Sachlichkeit

Lesedauer ~8 Minuten

Die Angst gibt meiner Wohnung nun Konturen: Sie ist es, die bleibt. Das labile Geschütztsein vor dem da draußen haben sie mitgenommen und die Bedrohung zurückgelassen, die Unterscheidung von Innen und Außen zunichte und die Wohnung verfügbar gemacht: Zugriff jederzeit von allen Seiten möglich. Seitdem ist meine Wohnung da draußen, in der Küche, im Blick aus dem Fenster, auf dem Sessel vor dem Fernseher, überall hat sich die Angst eingenistet. Nicht als ungebetene Besucherin, die ab und zu vorbeischaut, sondern als Mitbewohnerin. 

Der Mann von der Kripo verteilt sein Fingerabdruckpulver. Er zeigt mir, woran man erkennt, dass sinnlos ist, was er tut: Aufmerksam betrachte ich die Spuren behandschuhter Finger. Wahrscheinlich genopptes Material, erläutert er. An der Balkontür, durch die sie gekommen sind. Oft sei eine Frau dabei, sagt der Kommissar, das wirke harmloser. Der Kommissar begnügt sich mit einigen wenigen Stellen: auf den Schubladengriffen, im Bad. Sein Pinsel ähnelt einem Make-Up-Utensil, sein silberner Koffer könnte ebenso gut einem Dozenten gehören. Die aufgerissenen Tüten lässt er liegen. 

Vor ihm war die Streife da. Sechs Uniformierte in schusssicheren Westen. Sie haben niemanden gefunden, auf den sie ihre Waffen hätten richten müssen, aber der Eindringling ist noch da. Gestern bin ich um halb acht abends aus dem Haus gegangen, zum Sport. Um kurz vor neun war ich zurück. Beim Weg über den Hof sah ich, dass die Balkontür aufgebrochen war. Durch den Spalt sah ich im Flur ein Durcheinander, Ordner und Bücher und Jacken lagen auf dem Boden verstreut. Ich rief die Polizei.

In wenigen Minuten kamen freundliche, aber wenig aufmerksame Streifenbeamten: Dass die Jalousie an der Balkontür hochgeschoben war, fiel ihnen erst auf, als ich darauf hinwies. Sie waren nur für aktuelle Gefahren zuständig, nicht für die Rekonstruktion der vergangenen; warfen rasche Blicke in mein Schlaf- und Arbeitszimmer, wo der Schreibtisch steht, das Sofa, der Sessel, der Schrank, der Computer, das Bett. Die Pflanzenkübel auf dem Balkon haben sie sorgsam auf den kleinen Tisch gestellt, den Tisch etwas zur Seite gerückt, um effektiv arbeiten zu können. Um in aller Sachlichkeit alles zu durchsuchen. In jedem Zimmer sind sie gewesen. Es riecht nach Menschen, die ich nicht kenne. Nicht dreckig oder eklig, nur anders. Unbekannt. Es riecht nach draußen.

Sie haben das Tablet des Sohnes mitgenommen, das er vor einer Woche geschenkt bekam, mein altes Handy mit den neuen Kopfhörern, Bargeld, den Laptop. Das Ein-Euro-Stück auf der Kommode haben sie ebenso verschmäht wie den Reisepass, die Impfpässe, die Krankenkassen- und EC-Karte. 

Sie haben mit Noppenhandschuhen gearbeitet, erklärt der Kriminalpolizist, während mein Herz zittert. Später werde ich googeln und herausfinden, dass es ein großes Angebot gibt für Leute, die keine Spuren hinterlassen wollen. Das günstigste, das ich gefunden habe, ist ein Paar für 49 Cent, Mindestbestellwert zwölf Stück.

Mit solchen Handschuhen haben sie die Spardosen meiner Jungs geplündert, das Bonbonglas in der Küche, in dem ein paar Zehner liegen aber nicht angerührt. Auch der wertvolle Ring meiner Uroma hat den Einbruch überstanden, und die antike Schreibmaschine meines Opas. Was ist das für eine Arbeit, Kindern ihr Erspartes wegzunehmen? Was fühlt man dabei? Nichts?

Auf dem Schreibtisch liegt ein aktuelles Foto unserer Familie. Sie konnten sehen, wie die Menschen aussehen, in deren Wohnung sie eindrangen: zwei Kinder, eine junge Frau und eine angestrengt lächelnde Mutter mit Brille. Eine Familie, in deren Küche ein großer Tisch steht, Überbleibsel einer Ehe, und im Wohnzimmer ein altersschwacher Fernseher mit einer kaputten Fernbedienung. 

Die Wörterbücher, der gute Füller, das neue Trampolin, das große Ölbild im Wohnzimmer, die Kunstwerke der Kinder, das alte Radio, die Wolldecke, die mir kostbar ist, weil sie auf den Knien meines Opas lag – alles noch da. Was wirklich wichtig ist, war für sie gar nicht von Belang. Hätte es nicht viel schlimmer kommen können? Ich habe jetzt Angst: vor Durchgeknallten und Psychopathen, die da draußen irgendwo im Dunkeln sitzen und lauern. Vor all denen, die nicht im Hellen arbeiten. Aber dies hier waren Professionelle, die sich in aller Sachlichkeit ausschließlich für Dinge interessierten, die unkompliziert mitzunehmen und nicht mit konkreten Personen in Verbindung zu bringen sind. Wie die Münzsammlung des anderen Sohnes und seine Scheine aus aller Welt. Der abgegriffene schwarze Ordner, in dem er sie sammelte, lag leer auf dem Küchentisch. Jemand muss dort in aller Sachlichkeit auf meinem Stuhl gesessen haben, um den Ordner durchzugehen.

Waren das arme Leute, frage ich den Kripo-Mann. Wohl kaum, antwortet der, das war eine Bande. Ich will mehr wissen, sähe gern die Menschen, keine anonyme „Bande“, um mich nicht so fremd zu fühlen mit ihnen. Denn sie hocken noch in meiner Wohnung, hocken draußen und drinnen. Wie sahen sie aus? Alt oder jung? Wohnen sie um die Ecke oder weit weg? Wie sie aussehen, weiß ich nicht, aber sie nehmen auch angebrochene Parfumflaschen und schenken sie der Ehefrau zu Weihnachten, behauptet der Kommissar. Wenn sie teuer sind. Wahrscheinlich hat er sich das ausgedacht, um ihnen ein Gesicht zu geben, damit sie nicht nur als Phantom herumgeistern in Köpfen und aufgebrochenen Wohnungen die sie in aller Sachlichkeit verwüsten. 

Während der Kommissar sein Werkzeug verstaut, rufe ich die Tochter an. Und breche plötzlich in Tränen aus. Weil uns so etwas passiert ist. Weil nichts Schlimmeres passiert ist. Weil da draußen jetzt drinnen ist. Ob sie vielleicht kommen könne? Ich möchte auf keinen Fall allein sein.

Der Kriminalpolizist spricht von „Bösewichtern“, die im Fernsehen lernen, wie sie es machen müssen. Für ihn gehöre ich zu den Guten, zu den Unschuldigen, denen etwas angetan wurde: Mir wurde etwas geraubt. Ich bin das Opfer, das ich nicht sein will. Das ich nicht bin. Denn verursache nicht auch ich unsichtbares Leid, indem ich es mir vom Leib halte, mit jeder unterlassenen Hilfeleistung, mit jeder heruntergelassenen Jalousie, die aussperren soll, was sich nicht aussperren lässt? Da draußen regiert das Wegnehmen fremden Eigentums. Ich will kein Opfer sein. Wahrscheinlich wirke ich aber so, noch ungewaschen nach der unruhigen Nacht, in schlabberigen Klamotten, ungekämmt und ohne Wimperntusche. Bin irgendwie nicht dazu gekommen, es schien plötzlich so unwichtig. Das Pulver bekäme ich am besten mit trockenem Küchenpapier ab, rät mir der Kommissar. Ihm ist egal, wie ich aussehe. Hoffentlich sehe ich Sie nicht wieder, behaupte ich beim Abschied an der Tür, aber eigentlich ist er ganz hübsch. Ich hätte ihn gern noch länger dabehalten. Mit so einem Profi würde ich mich sicherer fühlen.

Am Nachmittag kommt der Schlüsselmann, um für 650 Euro ein Stangenschloss einzubauen. Es sei in China hergestellt, aber besser als deutsche Ware und trotzdem 100 Euro billiger. Die Chinesen hätten das Original optimiert. Ihre Entscheidung, meint er, ich kann Ihnen auch das deutsche Produkt einbauen. In aller Sachlichkeit wähle ich das chinesische Stangenschloss und nehme in Kauf, nicht zu wissen, unter welchen Bedingungen Menschen es hergestellt haben. So wie ich kürzlich in aller Sachlichkeit eine Jeans kaufte. Eine Frau oder ein Kind, wahrscheinlich aber kein Mann hat die Jeans vielleicht, wahrscheinlich, unter gefährlichen, unwürdigen Bedingungen für einen Hungerlohn genäht und gebleicht. Mein Kauf hat in aller Sachlichkeit dazu beigetragen, die Umwelt und die Menschen zu vergiften und sie ihrer Würde zu berauben. Aber ich sehe das Gift nicht. Ich sehe die Näherin nicht, kenne ihren Namen nicht und frage nicht danach. Ich sehe nur das Geld, das mir zur Verfügung steht und kaufe die vermeintlich „günstige“ Jeans, weil es angeblich kein richtiges Leben im falschen gibt, sondern nur Opfer und Täter, die einander aus dem Weg gehen. Weil es die gibt, die Pech haben und die, die Glück haben. Die im Hellen und die im Dunkeln. 

Unwillig frage ich mich: Wo hört Eigentum auf, wo beginnt Verbrechen? Was hat sich jemand tatsächlich verdient? In wessen Namen und mit welchen Lügen nimmt wer wem etwas weg? Und ich? Habe keine Antwort, schaue mich aber nun dreimal um, wenn ich nach Hause komme, bin misstrauisch gegenüber Unbekannten im Hof und drehe das neue chinesische Stangenschloss zweimal um, auch wenn ich zuhause bin. In aller Sachlichkeit wuchte ich nachts den schweren Familientisch vor die Balkontür in der Küche und lege das überschüssige, abgesägte Stück des Stangenschlosses neben mein Bett, um mich notfalls zu verteidigen. In aller Sachlichkeit verstecke ich den Ring meiner Urgroßmutter. In aller Sachlichkeit stelle ich fest, wie verletzlich ich bin.

Es ist so leicht einzubrechen und so schwer auszubrechen, denn jeder Gewinn entsteht unter Sachzwang und bemisst sich ausschließlich in Geld und Dingen, die man kaufen und verkaufen und rauben kann. Zu den Sachen gehören in aller Sachlichkeit auch Menschen, die man ganz sachlich „Arbeitskräfte“ nennt, aber man könnte auch Zwangsprostituierte sagen. Mit jedem Kauf reproduziere ich das System legaler Zwangsprostitution, von dem ich lebe. Weil sich in aller Sachlichkeit stündlich, minütlich, sekündlich, ohne Unterlass in dem grellen Dunkeln da draußen derselbe Raub vollzieht wie der Einbruch in meiner Wohnung, nach demselben Prinzip: anderen so viel wie möglich wegzunehmen ohne dabei erwischt zu werden oder sich die Finger schmutzig zu machen. Wegnehmen, was einem nicht gehört. Sich in aller Sachlichkeit am Verlust anderer bereichern. Darauf basiert mein Wohlstand, ob ich will oder nicht. 

Ich will diese Schuld nicht, will sie da draußen lassen, aber sie hat sich in meinem Leben festgesetzt. Ich trage sie als Hose. Ich sehe sie im Fernsehen als Ertrinkende und vor der Tür der Kirche als Bettelnde. Ich lasse sie geschehen. Ich lasse geschehen, dass der Gewinn der einen den Verlust der andern bedeutet und widerspreche nur schwach, wenn das Gegenteil behauptet und von Win-Win-Situationen geschwafelt wird, obwohl jeder weiß, dass Win-Win eine Lüge ist. Weil die Verhältnisse Gewinner und Verlierer brauchen.

Die meisten verlieren da draußen, weit weg hocken sie im Dunkeln und nähen meine Jeans. Bleiben unsichtbar, da draußen, aber sitzen neben mir, unter den Fingern, die dies tippen, in den Rohstoffen und der Arbeit, die in meinem Laptop stecken, in den ausländischen Banknoten meines Sohnes, die sie mitgenommen haben und in den Zutaten des Kaugummis in meinem Mund. Ich lasse die Jalousien herunter, doch sie vermögen nicht, die Welt draußen zu halten. Da draußen bricht ein, täglich, stündlich, minütlich, sekündlich, ohne Unterlass, bricht in mein Leben ein, in meine Wohnung, ohne Jalousien hochzudrücken oder Türen aufzubrechen. In aller Sachlichkeit.

Katharina Körting (*1968) lebt immer noch in Berlin. Zuletzt erschienen von ihr die Essays „Kontakttagebuch” (Kid Verlag 2021) und „Liquidierung der Vergangenheit” (Geest-Verlag 2021).

Dieser Text erscheint online als Teil des GYM#2. Die Printausgabe mit weiteren Texten erscheint am 1. Mai 2021.

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