Das GYM als Raum und Programm

I 

Im GYM brennen 24/7 die Neonröhren, treibt uns das immersive Soundsystem rund um die Uhr zu Bestleistungen an. Willkommen in einem Club, der radikal offen ist. GYM ist für alle. 

Das GYM ist kein Zirkel, keine Gruppe, keine Sekte, keine Crew. Das GYM ist ein Raum und ein Programm. Hier pumpen von Rückenschmerz und Neurosen geplagte, größenwahnsinnige, depressive, empörte, zu Tode gelangweilte, arbeitsscheue und ausgebrannte Athlet*innen der Literatur. Jede*r erzählt eine andere Geschichte. Im GYM dürfen wir alle auch aber längst nicht nur sein, wer wir sind. 

II

Im GYM liegen die Leitungen der Klima- und Lüf-
tungssysteme, die Kabel für Elektrizität und Netz-
werkansschluss blank wie die Nervenbahnen die-
ser Gesellschaft. Wir haben nichts zu verbergen. 

Athlet*innen der Literatur schreiben nicht, um unverstanden zu bleiben. Sie schreiben dagegen an, dass das, was jetzt und jetzt und jetzt wichtig ist, im Dauerfeuer der banalen Zumutungen des Alltäglichen verloren geht. Wir suchen den Text, der im Rauschen verborgen liegt. Schreiben heißt: Elemente anordnen und Überflüssiges löschen. Copy, Paste, Delete. Im GYM suchen wir die Klarheit zwischen den Sätzen. Am schwersten schälen sich Formen heraus, die ein neues, gegenseitiges und gemeinsames Verstehen ermöglichen.

III

Im GYM verfolgt jede*r ein Ziel. Mit jeder Bewegung, jedem Repeat entwickeln wir eine Haltung. Jeder Satz wirft uns in eine ungewisse Zukunft. Rest 90 seconds. Was willst du? 

Wir Athlet*innen der Literatur sehen im Schreiben keinen Selbstzweck. Text ist für uns augmented reality, in der wir neue Zustände erproben. Das GYM ist ein Raum, in dem Dinge nicht nur gesagt, sondern gemeint, energisch verteidigt und wieder verworfen werden dürfen. Uns verbindet, dass wir was wollen. Im GYM finden wir heraus, was genau. Gemeinsam oder jede*r für sich.

IIII

Im GYM packen wir zu viele Scheiben drauf und reißen dann unaufgewärmt. Rücken gerade, Bauch rein, Arsch raus. Auf unseren Schultern liegt das Gewicht unserer Welten. 

Athlet*innen der Literatur bekennen sich dazu, Teil der Welt zu sein, die sie bearbeiten. Sie setzen sich produktiv mit den sie umgebenden Realitäten auseinander. In Akten abstrakter Arbeit steigern sie ihre Kraft, bestehen darauf, dass endlich formbar wird, was vermeintlich gegeben ist. Unter großer Anstrengung isolieren, dehnen, synthetisieren und ordnen sie Weltfragmente zu Textwelten an. Dabei muss nicht jeder Satz sitzen. Sprachgefühl ist Körpergefühl. 

IV

Jedes Mal, wenn wir das GYM verlassen, sehen wir unsere Straßen verändert. Noch in den dunkelsten Ecken vermuten wir neue Möglichkeiten. Wir schließen die Reißverschlüsse unserer Jacken und lehnen uns gegen den Wind.

Texte transformieren schreibende und lesende Menschen. Jeder literarische Text, also jeder Text, der Wahrnehmung nicht objektiviert, sondern subjektiv geschrieben und subjektiv gelesen werden darf und muss, potenziert die gegebenen Möglichkeiten, indem er sich in seinen Leser*innen bricht. Um so wichtiger ist es, dass Literatur sich weder im Selbstzweck des Schreibens als Kunst noch in der Vermarktbarkeit erschöpft. 

Der Text ist der Muskel, die Welt das Gewicht. 

Das GYM ist überall
und überall ist das GYM.