Markus GRUNDTNER

Nichts weniger als eine Karriere

Lesedauer ~6 Minuten

Was ich brauche, um Karriere zu machen: Genug Maßanzüge (um nicht irgendwann ohne dazustehen), genug Schuhe (um Abwechslung in den Berufsalltag zu bringen), zwei Telefone (um Privates von Dienstlichem zu trennen), Präsentationstalent (um mich zu verkaufen) und Veränderungsbereitschaft (um mich weiterzuentwickeln).

„Das zerfasert“, sagt Teamleiter Tauber.
„Was zerfasert?“, frage ich.
„Alles“, sagt er.
„Ja, alles zerfasert“, sage ich, „Seit dem Urknall dehnt sich unser Universum aus. Alle Bestandteile entfernen sich voneinander: Zwischen dem, was ist, nimmt das, was nicht ist, immer mehr zu. Irgendwann gibt es nur Fragmente, die Verbindungen haben sich aufgelöst – dazwischen bleibt ein großes Loch – alles fällt in sich zusammen …“
„ … und beginnt danach wieder von vorn“, sagt Tauber, „Aber vom Universum reden wir nicht, sondern von Ihrer Präsentation.“
Er gibt mir meinen Entwurf zurück. 
„Erstellen Sie die Präsentation bitte nochmal. Sollte diese Version nicht perfekt sein, machen Sie noch eine. Sie sind gut, aber Sie müssen sich noch weiterentwickeln. Es geht hier um nichts weniger als Ihre Karriere.“ 
Ich nicke und verlasse sein Büro. Er ruft mir nach: „Behalten Sie immer im Auge: Anfang, Mitte, Schluss.“

Es ist eine Sache, sich in der morgendlichen Desorientierung verschiedenfarbige Socken anzuziehen, aber das hier? 
Ich sehe auf meine Schuhe, als gerade die U-Bahn einfährt: Auf einem Fuß trage ich einen schwarzen Budapester und auf dem anderen einen schwarzen Oxford. 
Auf dem einen Fuß: ein zwiegenähter Derby-Schuh nach ungarischer Machart mit offener Schnürung, verziert mit aufgesetzter Flügelkappe, Fersenkappe und Lyralochung. Ein Modell der Lockerheit, kombiniert am besten mit Flanellhosen oder Jeans. Auf dem anderen Fuß: ein englisch-stilvoller Halbschuh mit geschlossener Schnürung, elegant und poliert – gedacht für jene Momente, in denen es gilt, zu glänzen. 
Glücklicherweise warten im Büro Ersatzschuhe auf mich. 
Ich steige in die U-Bahn. Sie überquert die Donau. Ich blicke aus dem Fenster: Alles neigt sich zur Seite – die Schrebergärten, die Autobahn, die Berge und der Himmel. Es wirkt so, weil sich die U-Bahn in die Kurve legt. 
Das wäre eine Erklärung.
Vielleicht ist hier aber auch der einzige Ort der Stadt, an dem ich in eine aufrechte Lage komme und erkenne, dass die Welt in Wahrheit schief liegt.

In der Präsentation geht es um nichts weniger als die Zukunft des Unternehmens. Das Thema ist maximal unkonkret. Das bin ich gewohnt. Ich arbeite viel mit schwammigen Worten, zum Beispiel Synergie oder Burnout.
So beginne ich bei meiner Präsentation einfach am Anfang der Menschheitsgeschichte: „Um die Zukunft zu verstehen, gehen wir in die Antike zurück. Die Geschäftswelt ist die moderne Version des Labyrinths des Minotaurus. Einmal darin gefangen, findet sich nur zurecht, wer sich einen Faden legt. Es existiert aber nicht nur ein Faden, sondern mehrere. Das liegt an der allgemeinen Zerfaserung des Universums.“ 

Morgens auf dem Weg ins Büro kommt mir immer ein TV-Schauspieler entgegen. Er ist fein angezogen, mit Seidenschal, Kamelhaarmantel und Fedora – so als ginge er zu einem Vorsprechen.
Seine Bekanntheit verdankt er einer Rolle aus den 90er Jahren. Er hat ein Unternehmergenie gespielt, das vom kleinen Angestellten zum Kopf eines Firmenimperiums aufsteigt. Die letzte Staffel der Serie habe ich nicht mehr gesehen, denn da soll alles in sich zusammengefallen sein.
Im Vorbeigehen nicke ich dem Schauspieler zu. Wir sind ja Kollegen.

Heute habe ich einen guten Tag. Ich wüsste nur  keinen Grund, warum ich einen guten Tag haben sollte. Ich habe also grundlos einen guten Tag. 
Wenn ich gute Tage habe ohne Grund, habe ich auch schlechte Tage ohne Grund. Das ist nur allzu logisch. Gibt es keinen Grund für einen schlechten Tag, kann ich nichts tun, damit ein schlechter Tag sich zum Guten wendet. 
Es ist wie eine Krankheit, deren Erreger ich nicht kenne.
So denke ich an all die schlechten Tage der Zukunft, denen ich wehrlos gegenüberstehen werde. Damit ist mein guter Tag dahin.
In meiner Präsentation geht es um nichts weniger als die Zukunft des Unternehmens und um nichts weniger als meine Karriere, somit um nichts weniger als die Welt.
Im Mittelteil der Präsentation erörtere ich daher, dass die Welt in Wahrheit schief liegt. Zur Veranschaulichung werde ich ein Foto der U-Bahn-Kurve bei der Donau aus Fahrgastsicht an die Wand projizieren.

Neben meinen zwei Mobiltelefonen (eines für die Arbeit, eines fürs Private) besitze ich zwei Ladegeräte. 
Seit Kurzem laden meine Kabel nicht mehr. Kabelbruch. Kevlar-Fasern quellen hervor. Ich leihe mir Ladegeräte von meinen Kollegen. Während des Aufladens überarbeite ich meine Präsentation: Am Ende beantworte ich die letzten Menschheitsfragen.
Ich bleibe im Büro, damit mein Privattelefon Energie für den Feierabend hat. Ein Feierabend, der immer kürzer wird, je länger ich arbeite. Ich arrangiere mein Leben um den Ladevorgang. Zeit ist ein Faden und ich entferne Faser um Faser. Meine Zeit wird dünn.
Irgendwann schaffe ich es nicht mehr, mein Diensttelefon und mein Privattelefon gleichzeitig aufgeladen zu bekommen. Immer ist eines leer, das andere voll, oder es sind beide halbvoll oder es ist eines ein Viertel voll und das andere dreiviertel voll. Dann ist eines nur halb voll und das andere leer. Schließlich haben beide nur Energie im einstelligen Prozentbereich.
Aber die Telefone müssen geladen sein: ich will Musik hören. Doch auch hier enttäuscht mich die Technik. Meine Kopfhörer erzeugen nur einen gleichförmigen Ton. Manchmal schlägt der Ton überraschend nach unten oder oben aus. Ich spule vor und zurück, ich will einen Ausreißer nach oben finden, um meine Stimmung zu heben.
Statt meine Kopfhörer und meine Telefone gegen die Wand zu werfen, schlage ich mit der Faust, die das Privattelefon hält, auf den Tisch. Die Wucht des Schlags startet das Telefon neu. Nach dem Hochfahren hat es wieder zehn Prozent Leistung. Das reicht für den Heimweg. In der U-Bahn suche ich Ausreißer nach oben, finde aber keine. Meine Hand blutet.

Mit den Worten „Noch Fragen?“ beende ich meine Präsentation. 
Viele Hände gehen nach oben. Nein, nicht nur viele Hände, sondern die Hände aller Anwesenden. Dabei habe ich doch schon alles gesagt. Ich wende meinen Blick ab und sehe nach unten.
An meinem Sakkoärmel steht ein Faden weg. Bei dem Preis, den der Maßanzug gekostet hat, ist das eine Frechheit. Er sollte frei von losen Fäden sein, er sollte perfekt sein. 
Vielleicht erfüllt dieser Faden aber einen Zweck, vielleicht hat der Schneider so etwas wie eine Reißleine für Notfälle eingebaut. Notfälle wie meinen hier und jetzt.
Ich nehme den Faden zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich blicke über die Köpfe der Zuhörer hinweg zur Tür, wo das Fluchtwegschild leuchtet, und ziehe an dem Faden. 
Der Faden reißt nicht ab. Ich ziehe weiter und weiter daran. Zwischen meinen Fingern wird er länger und länger. Zuerst löse ich den Ärmel des Sakkos auf, dann den Stoff um meine Brust und an meinem Rücken. 
Ich habe mein Sakko komplett aufgedröselt.
Anscheinend ist mein ganzer Anzug ein einziger Faden, der in allen seinen Teilen verbunden ist: Während ich weiter an dem Faden ziehe, zerlege ich auch noch Hose, Hemd, Unterhose und Socken. 
Mein Anzug liegt als Fadenhaufen um mich herum auf dem Boden.
„Anfang, Mitte, Schluss?“, höre ich Taubers Stimme aus der Ferne.
Auch die Haare auf meinem Arm sehen aus wie lose Fäden. Und alles, was lose Fäden hat, ist unperfekt. 
Ich ziehe an einem der Haare. Das Haar reißt nicht ab, wird länger und länger, ist also tatsächlich auch ein Faden. Nur besteht dieser Faden aus den Kollagenfasern und elastischen Fasern meines Körpers.
In mir hängt alles zusammen. 
Synergie.
Ich ziehe an mir selbst. Auf dem Büroboden mischt sich mein Körperfaden mit meinem Anzugfaden. Ich entwickle mich weiter.

Markus GRUNDTNER (*1985), Absolvent Theaterwissenschaft und Rechtswissenschaften. Veröffentlichte in Anthologien & Zeitschriften, diverse Stipendien und Preise. „Planet im Ausverkauf“, Kurzgeschichten, Literatur-Quickie Verlag, Hamburg 2020.

Dieser Text erscheint online als Teil des GYM#2. Die Printausgabe mit weiteren Texten erscheint am 1. Mai 2021.

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