Carlo Maximilian ENGELÄNDER

Bockwurst und Mohnkuchen

Lesedauer ~9 Minuten

„Eber hat ’ne Überraschung“, verkündete Hauke. „Kriegst du nächste Woche.“ 

Ich mochte die Arbeit mit Hauke. Wir hatten so unseren Rhythmus. 

„Was willst du später mal machen?“, fragte er.

„Weiß nicht. Architekt.“ Hauke hob die Brauen und nickte. Zwei Jahre war er schon hier.

„Gieß mal ordentlich“, sagte er. „Ist heiß gewesen die letzten Tage.“ 

Ich holte noch zehn Liter, tauchte die Hände ins Brunnenwasser. ‚Nicht trinken, selbst wenn ’s aus der Leitung kommt‘, hatte Hauke gesagt. ‚Alles vom Gruftmoder verseucht.‘ 

Ich goss das Grab bis an den Schieferrand, ging zum nächsten. Eine Pflegestelle. Ich bückte mich, pflückte die verkapselten Knospen der Eisbegonien. Die meisten waren Blindgänger. 

„Gleich Mittag!“, rief Hauke. „Mach fertig, ich geh zum Bäcker, Bockwurst holen und Mohnkuchen.“ 

Bockwurst und Mohnkuchen, was anderes aßen wir hier nicht. Zum Glück mochte ich beides. Mit Kaffee und Milch spülten wir den Matsch aus Zucker und Wurst hinunter. Diese Minuten des Tages waren die schönsten überhaupt. 

Am Mittagstisch empfingen uns die anderen Arbeiter. Eber aß im Büro, hieß es. Manchmal fragte ich mich, ob er überhaupt existierte. Immer wenn ich ihn treffen sollte, vertrat ihn irgendwer. Mir fiel die Überraschung ein, die Hauke mir versprochen hatte. Was sollte Eber von mir wollen? Mein Sommer endete in weniger als drei Wochen. 

„Gehst gleich mit mir“, nuschelte Guido, Ebers rechte Hand, und knabberte weiter an seinem Wurstzipfel. 

Ich schmatzte in seine Richtung, zum Zeichen, dass ich verstanden hatte. 

Hauke warf mir einen mitleidigen Blick zu. Er wusste, wie sehr Guido und ich uns leiden konnten. 

Wenn ich zu langsam lief, rief Guido ‚Gärtnerschritt!‘, damit ich schneller wurde. Seine Welt war eindeutig – es gab nichts zu erklären. Guido war mit seinen fünfzig Jahren Dienstältester und wusste sozusagen alles. Er lief im Gärtnerschritt voran und ich rannte mit der Schubkarre hinterher, darin Handschuhe und Motorsäge. Als wir Abteilung achtzehn erreichten, verschnaufte ich.

„Den“, sagte Guido und wies auf eine schmale Tanne, die über einer Doppelstelle wuchs. 

„Ich weiß nicht, wie das geht“, sagte ich. 

Guido nahm mir die Motorsäge weg, schmiss sie an, machte sie aus. 

„Jetzt du.“ 

Ich tat mich schwer, das Ding überhaupt anzuheben. Ich zog am Seil. Nichts. 

„Entriegeln!“, stöhnte Guido. 

Endlich sprang sie an. 

„Na los! Schneid ’nen Keil in den Stamm. Nicht zu tief.“ 

Ich lief übers Beet, wuchtete die Säge auf den Grabstein. „Langsam!“, rief Guido. 

Ich entriegelte die Säge. Etwas klemmte. Je mehr ich am Seil zog, desto weniger bewegte es sich. 

„Stopp, halt!“, brüllte Guido und kam in zwei Gärtnerschritten auf mich zu. Er riss mir die Motorsäge aus den Händen. „So wird das hier nichts.“ 

Ich nickte, stellte mich an den Rand. Gern hätte ich ihm auch mal was an den Kopf geworfen, aber er machte ja nie etwas falsch. Still sah ich zu, wie er einen Keil in die Tanne schnitt, sie mit einer lockeren Handbewegung umstupste. Nicht ein Grab berührten die Zweige. 

„Was hältst du davon, Reicherts Gruft zu reinigen?“, fragte Guido. 

Ich verstand die Aufforderung und nickte. 

Wir brachten die Fragmente des Baumes auf den Kompost, dann begleitete mich Guido zur Zweiundvierzigsten. Staunend betrachtete ich den Eingang zur Gruft. Zwei Säulen hielten ein Dach aus glattem Stein, eine Treppe führte ins Dunkel hinab. Guido schnippte mit den Fingern, bis ich ihn ansah. 

„Ich geh bei Lörschers rasenmähen. Das ist hier übrigens keine Strafarbeit. Du kannst das mit dem Rasenmähen bloß nicht.“ 

Natürlich wusste ich, dass Guido so wenig Lust auf Totenmief hatte, wie ich auf Guido, und dass das Rasenmähen zu den angenehmsten Tätigkeiten der Friedhofsarbeit zählte. 

„Ich hol dich in zwei Stunden. Bis dahin hast du die Stele geschrubbt und die Fugen ausgekratzt.“ 

„Geht klar“, sagte ich. 

Guido drückte mir Besen, Kehrblech und Beitel in die Hand und verschwand hinter einem Denkmal. 

Ich trat zwischen den Säulen hindurch. Mit einer Taschenlampe leuchtete ich mir den Weg hinab. Das Licht fiel auf die Stele, die am Ende des schmalen Raums mittig aufgestellt war. Ich las die Inschrift, auch das Lateinische, obwohl ich davon nichts verstand. Die Kälte war jedenfalls angenehm und große Spinnen gab es kaum. Ich legte die Taschenlampe auf den Boden und machte mich an die Arbeit. 

Bald hatte ich Stele und Bodenplatten gebürstet und ging mit dem Beitel daran, das Moos aus den Fugen zu schaben. Wie ein Bauer, der sein Feld pflügt, dachte ich. Ich fragte mich, wie viel die Erben der Reicherts wohl jährlich blechten, damit die Gebeine ihrer Ahnen es hier unten gemütlich hatten. Kaum war ich in Gedanken versunken, stand Guido wieder am Eingang. Er machte einen zufriedenen Eindruck. 

„Gut“, sagte er. 

Ich nickte, war mir nicht sicher, ob er es auch so meinte. 

Der Tag hatte mich geschafft. Es war an der Zeit, nach Hause zu fahren. Nicht müde, verbraucht fühlte ich mich. Am Abend schaute ich Serien und aß aufgewärmte Tomatensuppe. 

Im Bett schließlich richtete ich die Augen in die Dunkelheit. Zwei Wochen, bis meine Arbeit auf dem Friedhof endete und ich mir überlegen musste, was ich mit meiner Zukunft anfing.

Den nächsten Morgen begann ich mit Kaffee und der Erinnerung an einen Mann, der mich im Traum nach Laugengebäck gefragt hatte. Als ich um sieben wieder auf dem Friedhof ankam, war Guido bester Laune.; Keine Anspielung auf meine Langsamkeit, kein „Gärtnerschritt“. 

Wir gingen ins Lager, wo er mir zwei längliche Röhren in die Hände drückte. „Auf den Hänger damit und noch ’nen Schlauch“, sagte er. 

Als wir die Sachen aufgeladen hatten, fuhren wir die Abteilungen entlang. Nebel waberte über den Schotterwegen, hing wie Watte in den Koniferen. 

Er riss das Lenkrad herum, bog in die Achtzehnte ein. Einige Meter vor dem Familiengrab und abgesägten Tannenstumpf kam der Wagen zum Stehen. 

„Um die Zeit ist niemand hier“, flüsterte er, als wir ausstiegen. 

Ich nickte, als würde ich verstehen, worauf er hinauswollte. 

Guido fügte die Röhren zu einer Stange zusammen. 

„Eine lebendige Tradition der Friedhofsarbeit. Mein Geschenk, weil du bald gehst.“ 

Er drückte mir das Ende der Stange in die Hand, schraubte ein Schlauchventil darauf, dann wischte er sich die Hände an der Hose ab. 

„Das ist die Schlämmstange, die musst du ins Grab stechen.“ 

Ich hielt die Schlämmstange fest, schaute zu Guido, zum Grab. 

„Das ist wichtig“, erklärte er. „Der Sarg verrottet. Da unten bilden sich Lufthöhlen. Stell dir vor, du machst das Grab deiner Oma und zum Dank rutschst du rein.“ 

„Meine Oma lebt noch“, sagte ich. 

„Ist nur ein Beispiel. Jetzt mach.“ 

„Und wo genau?“, fragte ich. 

„Mittig. Ich stell Wasser ein.“ 

Widerwillig richtete ich die Stange auf die Mitte des Grabes, stach einige Zentimeter tief. 

„Wasser läuft!“, rief Guido und kam zurück. „Jetzt aber los, der Sarg liegt auf zwei fuffzig.“ Ich hielt die Stange in der Hand. 

„Mach endlich!“ 

Ich zögerte. Durfte man das eigentlich? 

In Guidos Gesicht mischten sich Wut und Enttäuschung. Er riss mir die Stange aus der Hand. Schwarzer Schlamm bildete sich auf der Oberfläche. Guido schob die Stange tief in die Erde, bis er auf etwas Hartes stieß. Mit einem Ruck durchbohrte er das Hindernis. Bläschen stiegen auf, zerplatzten. 

„Deine Eltern sind Architekten, hat Hauke gesagt.“ 

Ich nickte. 

Guido schüttelte den Kopf. 

„Schlauch und Stange auf den Hänger. Das Grab machst du auch noch frisch. Ich geh’ Mittagessen.“ 

Die Anderen waren fast fertig, als ich zum Mittagstisch kam. Hauke nagte an seinem Würstchen und mied meinen Blick. Auf meinem Teller lag eine Brezel. Sonst nichts. War das die Strafe für meine Verweigerung? 

Nach und nach entfernten sich alle, bis Hauke und ich allein waren. 

„Ich verrat dir was“, sagte er schließlich verschwörerisch. 

Mit den Laubbläsern unter unseren Armen liefen wir Richtung Südeingang. 

„Es geht um Eber. Er will dich überzeugen bei uns zu bleiben.“ 

„Hast du mir die Brezel auf den Teller gelegt?“, fragte ich. Hauke schüttelte den Kopf. 

„Er will, dass du bei einer Nachtaktion mithilfst. Was meinst du?“ Ich nickte und bereute es auf der Stelle.

Die folgenden Tage herrschte eine eigenartig gelöste Stimmung. Immer war ich mit Hauke unterwegs. Zum Mittag gab es wieder Bockwurst und Mohnkuchen und ich bekam das Gefühl, den Segen des Friedhofs wiederzuerlangen. Wir pflückten Knospen, gossen die Pflegestellen, zuppelten Laub aus den Lieschen. Je näher das Ende meiner Friedhofszeit rückte, desto unruhiger erwartete ich Haukes Zeichen für die Nachtaktion. Wenigstens einmal wollte ich Eber begegnen. 

In der Nacht vorm letzten Tag ging ich spät ins Bett. Ich hatte die Augen schon geschlossen, als mein Handy vibrierte. Eine Nachricht von Hauke. 

‚Gegenüber Reicherts Gruft in 15 Minuten.‘ 

Die Nacht war klar, die Straßen leer. Ich fuhr durch den Tunnel, beim Bäcker vorbei zum Friedhof. Das Rad machte ich am Zaun fest, öffnete die Pforte am Eingangstor mit einem Trick, den Hauke mir gezeigt hatte. Suchend streifte ich die dunklen Wege entlang, bis ich das Licht der Baustrahler entdeckte. Gegenüber von Reicherts Gruft stand Hauke vor einem Grab. Er unterhielt sich mit einem bärtigen Hünen; es gab ihn also wirklich. 

„Da is er“, brummte Eber. 

„Hey“, begrüßte mich Hauke. 

Ich zog den Mundwinkel hoch. 

„Hast du ihm alles erklärt?“ 

„Nee“, sagte Hauke. 

Eber nickte mir zu. 

„Wir kennen uns zwar nicht, aber du scheinst dich gut zu machen.“ 

Hauke grinste. 

„Selbst Guido meint, dass du was drauf hast, und wenn der das sagt, kannst du hier praktisch anfangen.“ 

Eine unangenehm lange Zeit schwiegen wir. 

„Jetzt lernst du eine der lebendigsten Traditionen der Friedhofsarbeit kennen.“ 

„So lebendig wie das Einschlämmen?“ 

„Lebendiger.“ 

Hauke nickte bekräftigend. 

„Wir nennen es Auskoffern.“ 

„Und Umbetten“, ergänzte Hauke. 

„Richtig. Erst auskoffern, dann umbetten.“ 

Ich starrte die beiden an. „Warum?“ 

Nachdem Hauke mir Kaffee aus einer Thermoskanne eingeschenkt hatte, erklärte Eber mir alles über Totenruhe, begrenzte Liegezeiten und die Notwendigkeit, seine Rechnungen beim Friedhof zu begleichen. 

„Wieso nicht am Tag?“, wollte ich wissen. 

„Würdest du sehen wollen, wie jemand deine Großmutter ausbuddelt?“, fragte Eber. 

„Meine Großmutter lebt.“ 

„Nur ein Beispiel … fangt an, Jungs! Er drückte mir einen Spaten in die Hand, dann verschmolz sein massiger Körper mit der Dunkelheit. 

„Der ist nett“, sagte ich. 

Hauke erklärte mir, was wir zu tun hatten. Als Eber mit der Thermoskanne, einer schwarzen Mülltonne und einem Vorschlaghammer zurückkam, hatten wir bereits einige Spaten Erde ausgehoben. Wenn das Grab ein Koffer war, drangen wir allmählich zu seinem Inhalt vor. Zuerst meinte ich, ein helles Stück Holz gefunden zu haben. Ich betrachtete es im Baustrahlerlicht. 

„Tu das weg“, sagte Hauke und wies auf die Mülltonne. 

Wir gruben mehr und mehr Schädel- und Knochenstücke aus. Es fiel mir immer schwerer, aus dem Grab zu steigen. 

„Fertig machen“, sagte Eber irgendwann. 

„Und das Umbetten?“, fragte ich. 

Eber schaute Richtung Tonne. „Machen wir nicht, gibt ja nicht mehr viel … Hauke, holst du mal den Wagen?“ Mit dem Zeigefinger bedeutete er mir herzukommen. 

Ich trat näher und staunte. Eber hatte einen Strahler auf den gelockerten Grabstein gerichtet: Theo Gramlich. 

„So heiße ich nicht“, sagte ich, als wäre der Grabstein für mich bestimmt. 

„Aber der Vorname passt“, erwiderte Eber und legte mir seine Pranke auf die Schulter. „Ist dein letzter Job. Danach will ich ’ne Entscheidung von dir.“ Damit drückte er mir den Vorschlaghammer in die Hände. 

„Ich … “ 

Eber lachte. „Hast du mal versucht einen Grabstein anzuheben?“ 

„Aber wir haben Hauke.“ 

Eber schüttelte den Kopf. 

Ich konnte nicht sagen, ob es das Baumfällen, Einschlämmen oder Auskoffern war, das mich von der Notwendigkeit der Tat überzeugte. Vielleicht wollte ich einfach nur wissen, wie es sich anfühlte, einen Grabstein zu zertrümmern, auf dem mein eigener Name stand, oder zumindet mein Vorname. 

Ich holte aus und schleuderte den Hammerkopf gegen die eingravierten Buchstaben. Eine Turmglocke beim zwölften Schlag konnte nicht mehr vibrieren als mein Körper jetzt. Es durchdrang mich, machte mich wach und klar. Der Name zeigte keinen Kratzer. Wieder wuchtete ich mich und das Eisen auf die Buchstaben. Ich biss die Zähne zusammen; der nächste Glockenschlag ertönte. Ich hielt den Hammer fest umklammert, holte aus zu einem letzten Schlag. Der Stein knackte und sprang unter dem Echo der Glocke in vier gleichmäßige Stücke. Mein Name war in der Mitte zerbrochen. 

„Bleibst du?“, fragte Eber.

Carlo Maximilian ENGELÄNDER (*1991, Berlin) studiert seit 2016 Kunsterziehung an der Burg Giebichenstein. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (JENNY, Das Narr). Schloss sich 2017 dem Halleschen Dichterkreis an.

Dieser Text erscheint online als Teil des GYM#2. Die Printausgabe mit weiteren Texten erscheint am 1. Mai 2021.

meine arbeit
Ein Gedicht, in dem Position bezogen wird – unter Verwendung des Ausschlussverfahrens.
Freie Berufe
Kein Urlaub auf dem Land: Amelie Befeldt erzählt von einer Familie und ihrer besonderen Beziehung zur Arbeit.
RE: Ready to rock?!
Bullshit? Bingo! Arbeitsrealitäten zwischen Yogi-Haaren und angeblichen Marketing-Rockstars.
Toxicity
Toxic masculinity in der Klimakrise: Eine Momentaufnahme aus dem Inneren der deutschen Industrie.
Die Perversen
Die Hölle sind nicht nur die anderen: zwei Männer und Kollegen vergleichen die Ausmaße ihrer individuellen Verkorkstheit.
Nichts weniger als eine Karriere
Eine Erzählung über beste Perspektiven, persönliches Wachstum und die rapide Auflösung des Selbst.
schlüsselbericht
Ein Gedicht, das uns verschlossene Räume betreten lässt, in denen sich die Zeit endlos dehnt.
In aller Sachlichkeit
Das Trauma eines Einbruchs legt Nerven blank und ruft Zusammenhänge ins Bewusstsein.
Taxidermia Claustrophobia
Ein altes Handwerk als Notbehelf für einen Jungen, dem die Sprache versagt.